Geboren in der DDR...

Ein ganz normales Leben mit Höhen und Tiefen

Sehr geehrte Besucher dieser Homepage. Auf Bitte einer 16 jährigen Schülerin aus dem Bundesland Nordrhein-Westphalen berichte in in diesem Beitrag über mein Leben in der DDR. In den Fragen die ich gestellt bekam, geht es zwar in erster Linie um die „Mauer“. Ich denke jedoch, dass damit nicht nur die Berliner Mauer als Grenze zu Westberlin gemeint ist, sondern dass ich auch mein Leben an der innerdeutschen Grenze zur BRD auch „Zonengrenze“ genannt, mit einbeziehen kann. Hier lebte ich mit meiner Familie von 1954 bis zum Fall der Mauer 1989.
Nach bestem Wissen und Gewissen erkläre ich hiermit, dass ich wahrheitsgetreu alle Fragen beantworten werde. Als Autor und Webmaster dieser Seite erlaube ich mir die Freiheit, meine eigene Meinung zu äußern, Standpunkte zu beziehen und historische Fakten mit einzubeziehen. Ich erkläre hiermit, dass ich weder Mitglied der SED noch Mitarbeiter oder Informant des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (STASI) gewesen bin.

Diese Homepage dient nicht der „Schönfärbung“ des sozialistischen DDR Staates, sondern soll ein objektiveres Bild darüber vermitteln, wie Menschen in der DDR gelebt haben. Ich distanziere mich auch von den einseitigen Darstellungen des Autors und Filmemachers Roman Grafe über die so genannte „DDR-Diktatur“ nach der DDR-Bürger in zwei Gruppen klassifiziert wurden:
1. Die Bösen: Stasi-Spitzel; IM des MFS; SED-Funktionäre; Junge Pioniere; FDJ; DDR-Kindergärtnerinnen und Erzieher, die die Kinder mit „Feindbildvermittlung“ und „Haßerziehung“ traktierten; Lehrer, die in der DDR studierten; Lehrer für Staatsbürgerkunde, Pionierleiter; Angehörige der NVA und der Volkspolizei, usw.

2. Die Guten: Personen, die einen Grenzdurchbruch riskierten und die ums Leben kamen; Flüchtende über die Mauer, die es in den Westen schafften; Mörder von Grenzsoldaten der DDR; Fluchthelfer, denen die Gesundheit und das Leben und die Unversehrtheit der Flüchtenden egal war und denen es in erster Linie um ihren Profit ging; Oppositionelle, des DDR Staates, die im Gefängnis waren; Lehrer, die entlassen wurden, weil sie den DDR-Staat kritisierten; alle Personen, die einen Ausreiseantrag stellten usw.

Falls Sie Fragen zu meinem Beitrag haben, wenden Sie sich bitte vertrauensvoll an mich. Sollte es dabei um Inhalte gehen, die zunächst nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, können Sie sich anmelden und selbst Beiträge verfassen, die nur einem kleineren Kreis von registrierten Besuchern zugänglich sind. In der Folge werde ich auf dieser Homepage auch ein Forum einrichten, in dem Besucher Ihre persönliche Meinung äußern können.
Alle Inhalte stammen von mir selbst. Veröffentlichte Bilder und Dokumente sind persönliches Eigentum des Autors. Ich gestatte diese, auch auszugsweise zu verwenden und in andere Sprachen zu übersetzen. Ich bitte jedoch darum, sich vorher mit mir in Verbindung zu setzen und die Erlaubnis einzuholen.

Nun zu den 20 Fragen der Schülerin, deren Namen ich auch gern erfahren würde. Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass bei der ein oder anderen Frage wieder einmal der Lehrer bei mir durchgekommen ist, und ich etwas ausschweifender berichte. Letzt endlich möchte ich Dir sagen, wie ich mein Leben in der DDR gelebt habe. Meine Antworten und Schilderungen erheben keineswegs den Anspruch auf Vollständigkeit. Ich habe jedoch alle Fragen nach bestem Wissen und Gewissen beantwortet. Sollte ich an der ein oder anderen Stelle falsch liegen, bitte ich darum mich zu berichtigen. Lob und Kritik spornt an, es in Zukunft noch besser zu machen. Im Endeffekt soll diese Homepage mein ganz persönlicher Beitrag sein, die Teilung Deutschlands, auch in den Köpfen der Menschen zu überwinden. Die Zeit ist gekommen, dass wir alle gemeinsam, in Ost und West, in Nord und Süd nach nunmehr fast 25 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands auch die letzten Mauern zum Einsturrz bringen die, die uns in heutigen Deutschland noch trennen. Damit schließlich die „... die Sonne schön wie nie über Deutschland scheint...“ (aus der Nationalhymne der DDR).

In diesem Sinne beginnen wir nun:
1. Sind Sie in der DDR geboren worden? Wurden Sie in der DDR geboren?
Ja, ich wurde am 20. August 1954 in der DDR geboren oder besser gesagt, im Kreiskrankenhaus in Salzwedel einer Kreisstadt in der nördlichen Altmark Sachsen-Anhalts. Die ersten 6 Jahre meiner Kindheit lebte ich in einem kleinen Dorf mit dem Namen Jahrsau, nur 500m von der Grenze zur Bundesrepublik Deutschland (BRD) entfernt. Um den Ort machte die Grenze zur BRD einen Bogen, so war unser Dorf von Westen, Norden und Osten mit einem Grenzzaun (Stacheldrahtzaun) umgeben. Der Abschnitt musste auch nicht groß bewacht werden, denn hinter dem Zaun befand sich ein morastiges Waldstück. Wir Kinder spielten in unmittelbarer Nähe der Grenze, befolgten jedoch die Verbote, den Zaun nicht zu überqueren, eben, weil man im Moor eingesackt wäre. Nur ein Mal beobachteten wir Kinder, dass ein Arbeiter seinen Traktor auf der benachbarten Wiese stehen ließ und in den Westen flüchtete. Nur in südliche Richtung führte eine teils befestigte Straße aus unserem Dorf heraus in die 3 bis 5 km entfernten Nachbarorte Jeebel und Riebau. In unserem Dorf gab es weder eine Kirche, noch eine Gaststätte oder Einkaufsmöglichkeiten für Lebensmittel. Auch einen Kindergarten bzw. eine Schule hatte dieses Dorf nicht. Der nächste Arzt war 10km entfernt und wäre kaum bei einem Notfall pünktlich in dieses Dorf gekommen. Rettungshubschrauber und so etwas gab es nicht. Es gab auch nur ein Telefon in Jahrsau, mit dem man die Außenwelt erreichen konnte.
Deshalb dauerte es auch nur 7 Jahre, bis der Ort völlig aufgegeben wurde. Ich betone nochmals, es war der freie Wille der Bewohner, den Ort zu verlassen, weil die Infrastruktur des Ortes völlig am Boden lag. Wäre die Grenze gerade verlaufen und läge das Dorf im benachbarten Niedersachsen, wäre ähnliches passiert. Auch die Wiedervereinigung und der Fall der „Mauer“ änderte nicht die Situation.
Die ehemaligen Besitzer des Grund und Bodens waren längst in den Westen geflüchtet, in andere Orte gezogen oder gestorben. Sie hatten Jahrsau schon viel früher aufgegeben, eben wegen der ungünstigen Lage des Ortes. Es mutet schon etwas sonderbar an, wenn als Grund der Auswanderung und wieder einmal der Mauerbau, der Schießbefehl und eine so genannte „DDR-Diktatur“ herhalten muss, wie der Schriftsteller Roman Grafe es unlängst an einer Stendaler Schule „predigte“. Lest auf Wikipedia wie man eine „Diktatur“ definiert, dann werdet Ihr feststellen, dass man auch in der BRD von einer „Diktatur“ sprechen kann. Es ist nur eine Frage der Definition des Begriffes und die wird von Menschen „gemacht“.
Um nochmals auf den sterbenden Ort Jahrsau zurückzukommen: es ist schon eine Frechheit wenn die ehemaligen Eigentümer und deren Nachkommen sich unverfroren hinstellen und eine Opferrente bzw. eine Entschädigung verlangen, für die zerfallenen Höfe und Gebäude die sie verlassen hatten, um persönliche Vorteile in der BRD zu genießen. Dort wurden viele schon in den 50iger Jahren entschädigt und erhielten hohe Abfindungen. Heute würden sie nochmals Gelder fordern, die aus Steuermitteln stammen, die auch Eure Eltern einbringen. Sie zahlen Geld dafür, obwohl sie mit der ganze Sache nichts zu tun hatten.


Hitlerdeutschland hatte den 2. Weltkrieges (1939-1945) verloren. 55 Millionen Menschen ließen ihr Leben auf den Schlachtfeldern der Welt und in den Konzentrationslagern der Nazis. Meine Mutter Berta Düsterhöft geb. Prischmann und ihrer Mutter kam mit ihren zwei Kindern Ulla und Dora aus erster Ehe 1950 nach Jahrsau. Sie mussten ihre Heimat Ostpreußen verlassen und hatten nichts. Doch, sie hatten ihr Leben nicht verloren und sie hatten die Hoffnung auf einen Neuanfang in Frieden und Freiheit. Mein Vater Karl Westphal, ein einfacher Landarbeiter kam 1949 aus russischer Gefangenschaft ebenfalls in diesen Ort. Sie erhielten die teils zerfallenen Häuser und Höfe ihrer Vorbesitzer, die bereits in die BRD geflohen waren. Sie bauten alles wieder neu auf und schufen sich eine neue Heimat. Sie garantierten mir damit auch eine sorgenfreie Kindheit, obwohl sie selbst nichts hatten. Durch ihren Fleiß und mit der Hoffnung auf einen Neuanfang in einem antifaschistischen Deutschland ebneten Sie mir den Weg in eine glückliche und sorgenfreie Zukunft. Dafür bin ich Ihnen zu großem Dank verpflichtet und dies werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

In Gedenken an meine Eltern:
Berta Düsterhöft geb. Prischmann & Karl Westphal.

2. Haben Sie bis zur Auflösung der DDR dort gelebt?
Zunächst möchte ich klar und deutlich feststellen, dass sich die DDR nicht selbst aufgelöst hat. Die DDR gehörte dem Warschauer Pakt an, in dem von Beginn an die Sowjetunion bestimmte, was zu tun und was zu lassen ist. Eine einfache „Auflösung“ hätte es nie so einfach gegeben, denn der „kalte Krieg“ zwischen Nato und Warschauer Pakt war noch nicht beendet. Ich denke schon, dass es der Wille eines ganzen Volkes in der DDR war Veränderungen herbeizuführen. Die Stationierung von Atomwaffen auf beiden Seiten der Grenze nahm bedrohliche Formen an.

In Ost und West protestierten die Menschen gegen das Wettrüsten der Supermächte. Die politische Situation in der DDR Ende der 80iger Jahre hatte sich geändert. DDR-Bürger kritisierten offen die Missstände im DDR-Staat. Die Grenzen in Ungarn wurde geöffnet, DDR-Bürger flüchteten in Botschaften der BRD. Und letztendlich hatte auch die politische Führung in der Sowjetunion unter Michail Sergejewitsch Gorbatschow einen wesentlichen Anteil daran, dass die Wende kam.
Der alte DDR Staatsapparat unter der Führung von Erich Honnecker wurde entmachtet. Es siegte die Vernunft der Menschen, auch der Angehörigen der Streitkräfte der NVA, der Grenztruppen und der anderen bewaffneten Organe der DDR endlich den kalten Krieg zu beenden. Die Menschen in der DDR hatten endlich eingesehen, dass Deutschland das potentielle Schlachtfeld eines 3. Weltkrieges sein würde. Riesige Mengen an Waffen und Atombomben wurden auf Seiten der BRD und der DDR konzentriert. Es fehlte nur der zündende Funke und schon gäbe es Deutschland nicht mehr. Die USA und die Sowjetunion waren weit entfernt und wären bei einer militärischen Konfrontation ungeschoren davon gekommen.
Somit gab es am 9. November 1989 eine „friedliche Revolution“ und trotz „Schießbefehl“ verweigerten auch die Angehörigen der bewaffneten Organe den Befehl auf ihre Angehörigen und Landsleute zu schießen. Auch wenn es ein „kalter Krieg“ war, war dies eine Befehlsverweigerung, für die ein Soldat mit dem Tode bestraft werden kann.
Diesmal fiel kein einziger Schuss und kein Deutscher Staatsbürger musste sein Leben an der Mauer lassen. Das gebührt meinen ganzen Respekt auch den Angehörigen der NVA gegenüber, die den Mut hatten, Befehle zu verweigern und ihre Waffen nicht gegen das eigene Volk einzusetzen.

Antwort kürzer: Ja, ich habe von 1945 bis zum Ende der DDR in der sozialistischen DDR gelebt und sogar unmittelbar in der Nähe der Mauer im Sperrgebiet, in den Grenzorten Jahrsau (1954 bis 1960), Jeebel (1960 bis 1977), Oebisfelde (1982 bis 1989). Obwohl ich oft die Gelegenheit hatte, die DDR zu verlassen, dachte ich nie ernsthaft an Flucht oder Ausreise. Selbst nach der Wende blieb ich hier, denn es ist meine Heimat und mit der bin ich verbunden. Kurz vor der Wende hatten wir daran gedacht, einen Ausreiseantrag zu stellen. Einen Weg hätte ich jedoch nie gewählt und das wäre der kürzeste aber auch gefährlichste Weg gewesen, nämlich über die Mauer zu flüchten. Wer dieses Wagnis in Kauf nahm, war entweder lebensmüde, dumm, er stand unter Drogen bzw. hatte auf Schleuser und kriminelle Elemente vertraut, die ihnen für viel Geld versprachen, sie über die Mauer zu bringen.
Auch heute gibt es unüberwindliche Grenzen zwischen Ländern und Völkern: zwischen Nord- und Südkorea, zwischen USA und Mexiko, zwischen Israel und Palästina und das Mittelmeer zwischen Afrika und Europa. Wenn Menschen das Wagnis eingehen, diese Grenzen zu überwinden, müssen sie immer damit rechnen, zu Schaden zu kommen.
Es ist jedoch falsch immer und immer wieder allen Bürgern der DDR, die nicht in den Westen geflohen sind, vorzuhalten, sie wären Stasi-Spitzel, SED-Bonzen und Politfunktionäre oder Angehörige der bewaffneten Organe gewesen. Der Großteil der Menschen in der DDR waren Deutsche, wie Du und ich, die eingesehen hatten, dass zwei Weltkriege (1914-1918 und 1939-1945), die von deutschem Boden ausgingen, genug waren für Deutschland und für Europa.

3. Wie fanden Sie das Leben in der DDR?
Die ersten Jahre meiner Kindheit von 1954 bis 1960 lebte ich in Jahrsau. Dann zogen wir in das ca. 3km entfernte Jeebel um. Wir erhielten ein Haus mit Stallungen einer älteren Dame, die meine Mutter bis zu ihrem Tode pflegte. Sie vererbte uns dann dieses Grundstück nach ihrem Tode. Der Ort Jeebel lag zwar auch im Sperrgebiet, aber die Grenze war etwa 1 km entfernt. In Jeebel wohnten zu der Zeit etwa 120 Personen. Es gab im Ort eine Gaststätte, eine Schule, eine Kirche, die freiwillige Feuerwehr, viele Kinder und natürlich Spielmöglichkeiten. In unserem Dorf war immer etwas los. Ob Osterfeuer, Feiern zum Mai, und zum Internationalen Kindertag am 1 Juni, dann die 2 Monate Ferienzeit von Anfang Juli bis Ende August mit Ferienlager aber auch Baden im Arendsee oder im Schwimmbad in Salzwedel, Feiern zur Jugendweihe und zur Konfirmation, Tanzveranstaltungen für Kinder und Erwachsene, Herbstfeste, Martinstag, Weihnachten und Silvesterfeier. Meist wurde über die freiwillige Feuerwehr alles organisiert und wir Kinder hatten stets das volle Programm.
Fernsehen, Computer, Handys und weitere Spaßbremsen gab es noch nicht und so spielte wir jeden Nachmittag auf der Straße, in Scheunen, auf Dachböden, in Gärten und in den umliegenden Wäldern.

4. Wenn Sie es mochten, was gefiel Ihnen?
Fußball auf der Straße oder einem Bolzplatz spielen; Treibball Dorf auf und Dorf ab; Fische fangen im Grenzgraben; Butzen bauen in den umliegenden Wäldchen; toben im Heu oder auf der Strohmiete; Völkerball; Kreiseln; mit Murmeln spielen; baden in angestauten Gräben; im Winter rodeln und Skifahren von unserem Rodelbergen; Schlittschuhlaufen auf dem Dorfteich; Nachbarn ärgern; die Dachböden nach Schätzen durchwühlen und auch hin und natürlich auch hin wieder unseren Eltern helfen. Selbst Holz hacken, Tiere füttern, den Garten bestellen, bei der Ernte helfen, Kühe auf die Weide treiben, mit Pferden ausreiten usw. machte uns große Spaß, bekamen wir dafür auch das, was wir uns wünschten. Spielzeug brauchten wir nicht kaufen. Wir stellten uns alles selber her und bekamen natürlich auch zu Festtagen die Spielsachen, die wir uns wünschten.
Wir Kinder waren an jedem Abend müde und ausgepauert und am nächsten Tag wiederholte sich das Spiel. Es war immer etwas los. Die benachbarte Grenze (Mauer) störte uns wenig und obwohl es in unserem Ort eine Grenzkaserne gab, sahen wir kaum Soldaten. Und wenn, hatten die jungen Soldaten mehr mit den älteren Mädchen zu schaffen, als mit der Bewachung der Grenze. Das mussten sie auch nicht, mit dem Ausbau der Grenzanlagen und dem Bau der Mauer in Berlin 1961 war die Grenze dicht. Ein erster, ca. 3 m hoher Zaun befand sich 500m vor der Grenze. Unmittelbar vor der Grenze auf DDR-Gebiet verliefen dann noch zwei 3 m hohe Zäune parallel zueinander, dazwischen war ein 50m breiter Streifen, das Niemandsland, welches teilweise mit Minen bestückt war oder Wachhunde liefen an der Leine dort entlang.
Nach Verlegung der Minen trauten sich selbst die Grenzsoldaten nicht mehr dort hinein. Das Gras wucherte Mannshoch und hin und wieder explodierte eine Mine, weil Tiere darauf traten oder der Frost den Boden verhärtete. Wer hier den Versuch startete, die Grenze zu durchbrechen war entweder nicht ganz bei Sinnen oder lebensmüde. An unserer Grenze ist kein Schuss gefallen und es ist auch kein Fluchtversuch unternommen worden. Warum auch, wir hatten alles was wir zum Leben brauchten.
Anfang der 60iger Jahre hatten einige Haushalte dann auch einen Fernseher. Und wir konnten Westfernsehen empfangen. Sendungen wie Lassie, Bonanza, Flipper waren zwar ganz gut anzuschauen aber die besten Kindersendungen und Filme liefen bei Professor Flimmrich oder Meister Nadelöhr oder in der monatlichen Kinoveranstaltung in unserer Gaststätte. Die größte technische Errungenschaft in den 60iger Jahren war dann die Erfindung des Kofferradios. Man konnte es überall hin mitnehmen. Zur Jugendweihe 1968 erhielt ich mein erstes Kofferradio und noch einen Elektronikbaukasten für einen 100 Watt Verstärker. Ich las viele Bücher und Zeitschriften über Elektronik und richtete mir eine kleine Werkstatt ein, in der ich Radios, Verstärker und andere Elektronikschaltungen zusammen lötete.
Mein älterer Freund Wolfgang Heimes hatte mir erzählt, wie man Silvesterknaller und Raketen bauen konnte. Da wir Kinder mit 13 Jahren noch keine Feuerwerksknaller zu Silvester kaufen durften, baute ich sie eben selbst. Ich war in der 7. Klasse und das neue Fach Chemie interessierte mich auf einmal. Ich war dann auch der einzige Schüler in unserer Klasse, der dem Chemieunterricht immer aufmerksam folgte. Dafür erhielt ich von meinem Chemielehrer Herrn Brennecke Reagenzgläser und auch hin und wieder ein paar Chemikalien. Von meinen Eltern erhielt ich dann mein erstes Chemiebuch („Chemie selbst erlebt“ von Erich Grosse & Christian Weissmantel), ich richtete mir ein Chemielabor auf dem Dachboden unseres Hauses ein und führte die Experimente durch, die in dem Buch beschrieben waren. Um an Chemikalien zu kommen, fuhr ich dann auch hin und wieder in die Stadt nach Salzwedel, besuchte Drogerien und die Löwen Apotheke und fragte die netten Apothekerinnen nach alten Chemikalien und Laborgeräten. Ich bestach sie mit echtem Bohnenkaffee und erhielt alles, was ich benötigte, um meine Experimente durchzuführen.


Ein ganz besonderes Hobby war jedoch der Fußball. Fast jeden Tag verbrachte ich die ersten Stunden nach der Schule auf der Straße und schoss hunderte Bälle gegen die großen Tore. Meist waren dann aber auch Spielkameraden da, die mit mir Fußball spielten. Später hatten wir einen unbefestigten Bolzplatz, auf dem man jedoch nur mit Gummistiefeln oder Barfuß spielen konnte, weil er so sandig war. Durch meinen Schulfreund Dieter Heymann aus dem Nachbarort Riebau angeregt, trat ich dann 1969 in den Fußballverein BSG Motor Salzwedel ein. Mein damaliger Trainer, Klaus Hilgenfeld („Der Löwe“), erkannte mein Fußballtalent und so spielte ich bereits kurze Zeit später in der Bezirksliga Junioren, schoss fleißig Tore und spielte auch gegen namhafte Fußballer des 1. FC Magdeburg oder anderer Vereine im Bezirk Magdeburg.

Durch meine Lehre, die ich 1971 begann, wechselte ich den Verein, konnte aber aus Zeitgründen nicht mehr aktiv weiter spielen. Ich begann eine Lehre als Agrotechniker (Landwirt) mit Abitur in Kuhfelde, einem kleinen Dorf 10km südlich von Salzwedel. Wir waren in einem Lehrlingswohnheim untergebracht und hatten in der Woche 3 Tage Schule und 2 Tage Arbeiten in der LPG. Der Fußball war auch hier allgegenwärtig. Wir hatten eine Fußballmannschaft und spielten gegen andere Ausbildungsbetriebe oder die Dorfjugend. In erster Linie konzentrierte ich mich natürlich auf den Beruf und auf das Abitur aber auch die hübschen Mädchen waren uns entgangen. In Kuhfelde gab es kein Sperrgebiet und so blieb ich auch oft an den Wochenenden mit meinem Freund Bernd Garle im Lehrlingswohnheim. Samstag fuhren wir dann meist zum Jugendtanz nach Appenburg, Kuhfelde, Beetzendorf und Salzwedel. Diskos gab es noch nicht und so tanzten wir zu den Klängen der zu der zeit noch nicht so bekannten Gruppen wie Puhdys, Karat, Klosterbrüder und sonstigen.
Sonntags war es im Lehrlingswohnheim doch sehr langweilig und so suchten wir nach einer Möglichkeit, den Nachmittag einigermaßen abwechslungsreich zu verbringen und vielleicht auch hin und wieder Kaffe und Kuchen zu bekommen. Bernd hatte ein Mädchen mit Namen Gudrun aus Siedenlangenbeck kennen gelernt und schwärmte oft von ihr. Da musste ich jetzt nachziehen, denn ein Mädchen für zwei Jungen das ging nicht. Wie es der Zufall so wollte, lieft mir dann irgendwann auch ein Mädchen über den Weg, dass mich sehr an Agnetha Fältskog von der schwedischen Gruppe ABBA erinnerte. Ihr Vorname war Viola (lat. Veilchen). Auf einer Tanzveranstaltung in der Kuhfelder Turnhalle mit Achim Mentzel funkte es dann mächtig und wir verliebten uns. Die und sonst keine, das war von nun an meine Devise. Nun wurde ich auch hin und wieder zum Kaffe trinken durch Ihre Eltern eingeladen. Ihre drei Brüdern Dietmar, Lothar, Volker akzeptierten mich von Anfang an und so kam es, dass ich von nun an auch dort übernachten durfte. Weitere Einzelheiten erspare ich mir erst einmal, denn das ist doch etwas ganz privates. Jedenfalls lernten wir uns kennen, wir verliebten uns ineinander. Am 8. Oktober 1976 schlossen wir den Bund des lebens. Wir bekamen zwei Kinder, unsere Töchter Doreen und Manja und so nahm das Leben seinen Lauf.
Fußball spiele ich auch noch heute mit fast 60 Jahren, meine Frau Viola ist nach wie vor an meiner Seite, meine Kinder schenkten uns bis heute 6 Enkelkinder: Miriam, Paul, Julien, Lukas, Sarah-Marie und Jonas. Was will man mehr. So ein Leben habe ich mir immer gewünscht und ich hätte alles in meiner Macht stehende getan, Unheil von meiner Familie abzuwenden, selbst auf die Gefahr meines eigenen Untergangs. So war es in der DDR und so sollte es in jeder Familie sein, egal wo sie lebt und je gelebt hat.

5. Wenn Sie es nicht mochten, was mochten Sie nicht?
Nun ja ich schweife schon wieder vom Thema ab. Lassen wir es erst einmal, und gehen wir zurück in das Jahr 1968. Es war die Zeit in der die Musik einen grundlegenden Umschwung erlebte. Beatgruppen in Ost und West, große Rockkonzerte und die Hippi Bewegung war in vollem Gange.
Über das Radio und Westfernsehen bekamen wir dann jedoch auch frühzeitig mit, dass auch in der benachbarten BRD und auf dem politischen Parkett nicht alles Gold ist was glänzt. Viele ehemalige Nazis und auch Kriegsverbrecher waren wieder in einflussreichen Positionen des bundesdeutschen Staates und der Wirtschaft unter gekommen. Die Menschen in der BRD protestierten gegen den Vietnamkrieg und gegen die Verbrechen der USA in diesem kleinen Land. Rauschgift und Drogenkonsum, besonders unter den Jugendlichen war in der BRD weit verbreitet. Nach dem Tod von Janis Joplin und Jimi Hendrix hatte mit 14 Jahren aufgehört zu rauchen und mir geschworen, nie mehr Drogen zu konsumieren.
Anfang der 70iger Jahre begann die RAF ihren Rachenfeldzug gegen Politiker, Industrielle und gegen den BRD-Staat. Anfangs verstand ich die Zusammenhänge nicht, bis ich 2002 das „Schwarzbuch Helmut Kohl“ (http://www.irwish.de/Site/Biblio/Engelmann/Kohl.htm) zu lesen bekam. Danach sah ich klarer und verstand, dass der Bau der Mauer die einzig vernünftige Entscheidung der DDR-Politiker war, einen Krieg auf deutschem Boden zu verhindern und den friedlichen Aufbau in der DDR zu garantieren.
Unsere Jugendweihefahrt 1968 führte mich nach Berlin. Dort flog ich erstmals in meinem Leben mit einem Flugzeug (Rundflug über Berlin) Wir besuchten jedoch auch das ehemalige Konzentrationslager in Sachsenhausen, in dem die Nazis tausende Menschen umgebracht hatten. Man zeigte uns einen Dokumentarfilm, in dem ein gefangen genommener SS Lageroffizier schilderte, wie brutal Menschen vergast, erschossen und anschließend verbrannt wurden. Die Verantwortlichen für den Holocaust hatten sich ihrer gerechten Strafe entzogen. Das schlimmste jedoch war, sie waren wieder in einflussreichen Positionen des Staates BRD und der Wirtschaft zu finden. In so einem Staat wollte ich nicht leben. Auch deshalb entschied ich mich für ein Leben in der DDR.
Von 1961 bis 1971 besuchte ich die allgemeinbildende polytechnische Oberschule. Nach Abschluss der 10. Klasse begann ich 1971 eine Berufsausbildung als Agrotechniker (Landwirt) mit Abitur. Ich verließ mein Elternhaus und wohnte überwiegend in einem Lehrlingswohnheim in Kuhfelde. Hier gab es keine Grenze, kein Sperrgebiet und auch keine Mauer. Die Ausbildung endete 1974 mit einem Facharbeiter Abschluss und dem Abitur in der Tasche. Ich war Mitglied der Pionierorganisation Ernst Thälmann (ein antifaschistischer Widerstandskämpfer, der im Konzentrationslager Sachsenhausen von den Nazis umgebracht wurde), trat auch in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) ein. Obwohl ich mich weigerte der SED beizutreten, erhielt ich einen Studienplatz und wurde später dann auch Lehrer. Hier in Kuhfelde lernte ich 1974 auch meine spätere Frau Viola kennen, die im benachbarten Siedenlangenbeck wohnte.
Bevor ich jedoch mit dem Studium beginnen konnte, musste den Armeedienst bei der Nationalen Volksarmee (NVA) leisten. Ich verpflichtete mich zu einem dreijährigen Dienst. Diese Entscheidung wurde mir nicht aufgezwungen. Es war mein freier Wille. Beim Musterungsgespräch stellte ich als Bedingung, meinen Wehrdienst nicht an der Staatsgrenze zur BRD abzuleisten. Dieser Wunsch wurde respektiert und so „landete“ ich im wahrsten Sinne des Wortes im JBG 31 in Jänschwalde-Ost in der Nähe von Cottbus an der polnischen Grenze. Es war das letzte und einzige Jagdbombenfliegergeschwader der DDR, das mit der veralteten MIG 17 ausgestattet war. Die Flugzeuge dienten in erster Linie jedoch dazu, junge Piloten auszubilden. Als Flugzeugtechniker übernahm ich die Verantwortung für das Leben der Piloten, die auf meiner Maschine flogen. Ein kleiner Fehler und ich hätte Menschenleben auf dem Gewissen. Ich führte meine Arbeiten immer fehlerfrei und gewissenhaft aus und meine MIG 17 mit der Nummer 209 erhielt in der Folgezeit 5 Sterne für Ingenieurskontrollen, bei denen förmlich das Flugzeug bis auf kleinste Mängel untersucht wurde. Diese Leistung wurde stets mit hohem Respekt meiner vorgesetzten Kameraden und Offiziere betrachtet und gewürdigt. Dies wäre auch in der Bundeswehr der BRD so gewesen.
Dann erhielt ich im Frühjahr 1976 die freudige Nachricht von meiner Verlobten, dass wir ein Kind bekommen würden. Kind und Chemie (mein Studienwunsch) verträgt sich nicht so richtig, dachte ich mir. In der Altmark waren auch keine größerer Chemiebetrieb ansässig, bei denen ich nach dem Studium hätte anfangen können, zu arbeiten. Ich schrieb an die Universität und bat um Umlenkung der Studienrichtung als Lehrer für Biologie/Chemie oder Biologie/Sport. Auch dies wurde genehmigt.

Kurz vor meiner Entlassung aus dem Militärdienst der NVA versuchte man mich dazu zu überreden, als Informant der Stasi tätig zu sein und während des Studiums und der nachfolgenden Lehrerzeit Angehörige, Freunde und sonstige Personen zu bespitzeln.Auch auf die Gefahr hin, den Studienplatz und somit auch meinen Beruf als Lehrer zu gefährden, sagte ich „Nein“.
Als ich dann mit dem Lehrerberuf 1981 in Oebisfelde (lag ebenfalls im Sperrgebiet) begann, wurde ich sofort gedrängt in die SED einzutreten. Man versprach mir eine steile Karriere in leitenden Positionen des DDR-Staates unter anderem die Möglichkeit einen Doktor-Titel zu bekommen, mehr Lohn für meine Arbeit zu erhalten, die Möglichkeit ins westliche Ausland zu reisen und auch sonstige Vergünstigungen zu erhalten, die ein normaler DDR-Bürger nicht bekam. Auch hier blieb ich standhaft und sagte „Nein“.
Den Respekt meiner Schüler und der Eltern verdiente ich mir durch Taten - durch meinen interessanten Unterricht in Biologie und Chemie, durch Arbeitsgemeinschaften in Biologie, Chemie, Naturschutz, Foto, Elektronik und Computertechnik, die ich leitete und durch den Sport (Fußball, Volleyball, Tischtennis und Leichtathletik) in der Grenzstadt Oebisfelde.

Im August 1982 zogen wir von Siedenlangenbeck nach Oebisfelde. Wir erhielten die Hausmeisterwohnung in der neu erbauten POS „Wilhelm Bahnik“. Hatten wir in unserer Wohnung in Siedenlangenbeck weder ein Bad, eine Toilette noch eine Heizung, war diese Wohnung der reine Luxus. Wir hatten ein Bad und eine Dusche, große geräumige Zimmer für uns und unsere Kinder. Die ganze Schule wurde über eine Fernheizung im Winter mit Wärme versorgt und Wasser und Strom brauchten wir nicht zu bezahlen. Eine ganze Schule inklusive Aula gehörte uns. Die einzige Aufgabe, die wir bekamen, war, in der Schule hin und wieder nach dem Rechten zu sehen und zu Veranstaltungen für die Sicherheit im Gebäude zu sorgen. Obwohl ich mich vorher verweigert hatte, für den DDR-Staat eine Spitzeltätigkeit zu übernehmen, und nicht in die SED einzutreten, wurde mir dies nie übel genommen.
Selbst eine Konfrontation, die ich 1985 ausgelöste, führte nicht dazu, dass wir ausziehen, und ich meinen Lehrerberuf aufgeben musste. Was war geschehen? Über das Westfernsehen bekamen wir mit, dass es nun auch möglich sei, die privaten Sender RTL und SAT 1 zu empfangen. Man brauchte dazu jedoch eine Antenne, die vertikal polarisiert war und die Richtung Westen zeigte.
Ich besorgte mir diese Antenne, kroch am Abend auf das Dach der Aula und brachte die Antenne am Antennenmast der Schule an. Im Unterschied zur Schulantenne zeigte meine Antenne in Richtung Westen. Jeder konnte es sehen. Auch im gegenüber liegenden Wohnblock, in dem Angehörige der Grenztruppen und des Zoll wohnten, beobachteten mein Handeln.

Am nächsten Tag standen Schüler auf dem Schulhof und wunderten sich über die sonderbare Anordnung der beiden Antennen, die Kreuzförmig am Antennenmast der Schule angebracht waren.
Es dauerte nicht lange und mein Schulleiter Herr Brinkman lud mich vor. Er hielt mich an, die Antenne zu drehen oder abzubauen. Ich bestand auf meinem Recht auch Westfernsehen zu empfangen und drohte, mich bei Erich Honnecker direkt zu beschweren. Abend schob ich die Antenne jedoch etwas nach unten, so dass man sie nicht vom Schulhof sehen konnte. Leider war sie jedoch Fenster zur Aula zu erkennen. Nach einer weiteren Standpauke legte ich die Antenne auf das Flachdach und empfing bis zu Wende nun auch RTL und SAT1.
Ich war zu der Zeit auch Klassenlehrer. Die Eltern meiner Schüler arbeitet fast alle beim Zoll, der PKE und den Grenztruppen der NVA. Obwohl ich mit meinen Schülern im Unterricht über Sendungen des Westfernsehens diskutierte, wurde ich zu keiner Zeit von den Eltern abgemahnt. Im Gegenteil, wir feierten in den Gebäuden der Grenzeinheiten und auf Klassenfahrten begleiteten uns Eltern, die im beruflichen Leben die Grenze zur BRD bewachten.
Das was ich ganz und gar nicht mochte fing, erst nach der Wende an, als es die DDR nicht mehr gab. So wurde alle DDR Lehrer verdächtigt Stasi Spitzel zu sein. Um den Beruf als Lehrer weiter auszuüben zu können, mussten ich mich mehrfach Prüfung unterziehen. Mir gefiel auch ganz und gar nicht, dass nach der Wiedervereinigung mit der BRD meine Arbeit und meine Leistungen als Diplomlehrer für Biologie, nicht mit dem Respekt anerkannt wurde, wie zu Zeiten der DDR. Als es um eine Abfindung nach meinem unfreiwilligen Ausscheiden aus dem Schuldienst in Sachsen-Anhalt ging, wurde weder mein Diplom noch meine Zeit als Lehrer in der DDR berücksichtigt.
Als es die DDR nicht mehr gab, ging ich nicht in den Westen um persönliche Vorteile zu bekommen ich blieb ich hier in Oebisfelde. Ich gehörte zu den Lehrern die das Gymnasium in Oebisfelde wieder mit aufbauten (www.gymnasium-oebisfelde.de). Diese Arbeit und der Fleiß wurde in keiner Weise gewürdigt. Im Gegenteil wie viele meiner Lehrerkollegen aus der ehemaliger DDR erhielt ich in den ersten Jahren nach der Wende gerade einmal 65% des Westgehaltes. Zum Ende meiner Lehrertätigkeit waren es gerade einmal 85% und so viel bzw. so wenig ist es auch noch heute.
Es kam jedoch noch viel schlimmer für mich. Nach der Schließung des Gymnasiums 1988 wurde ich im Schuldienst regelrecht „Verheizt“. Keine Angst, man hat mich nicht verbrannt, es ist anders gemeint. Ich musste plötzlich an drei Schulen unterrichten. Begann in der Realschule/Hauptschule, unterrichtete Werken, Wirtschaft und sonstige Fächer für die überhaupt nicht ausgebildet war. Musste dann zum Gymnasium wechseln, unterrichtete Schüler bis Klasse 10, fuhr dann in das 20km entfernte Weferlingen und unterrichtete Schüler bis zur Klasse 13, fuhr am Nachmittag wieder zurück nach Oebisfelde und hatte mitunter noch Arbeitsgemeinschaften zu betreuen.
Meine Stundenvorbereitungen, die Kontrolle der Klassenarbeiten und die Vorbereitung auf den Unterricht verlagerte sich in die Abendstunden. Von meiner Familie und meinen Kindern hatte ich so gut wie gar nichts mehr. Auch die Schüler und Eltern hatten sich verändert. Mobbing und Bossing wurde auch zum Thema in unserer Schule. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis man ausgebrannt war. Burn Out heißt dieser Erschöpfungszustand, den ich dann 2002 hatte. Und wenn man dann nicht mehr voll schuften kann, kommt der Arbeitgeber, in meinem Fall das Schulamt Magdeburg und überlegt, wie man solche Lehrer „kostengünstig entsorgen“ kann. Dies ist auch mir widerfahren. Dies ist aber eine ganz andere nervenaufreibende Geschichte über die ich demnächst auf meiner Homepage www.mobbing-gegen-lehrer.de berichten werde. Die Seite wird gerade überarbeitet, habt noch ein wenig Geduld.

6. Hat man damals gewusst, dass es Leute gab, die fliehen wollten?
In jedem Staat gibt es Geheimdienste und den Staatsschutz. In der DDR nannte sich der Geheimdienst Ministerium für Staatssicherheit (MFS), Ihr kennt es unter der Abkürzung STASI. In der Sowjetunion war es der KGB, in der BRD der BND und in den USA die CIA und später dann auch die NSA. Diese Organe überwachen die Bürger ihres Landes und auch der anderen Staaten.
Wenn man zu Zeiten der DDR in den Westen fliehen wollte, hätte man es sicher nicht im Wirtshaus oder auf der Straße oder sonst wo erzählt. Geheimdieste haben bezahlte Informanten und viele Mitarbeiter, denen man es nicht ansah. Hätte mir ein Freund oder Nachbar erzählt, dass er die Grenze an einer stark befestigten Stelle überwinden wollte, um in den Westen zu fliehen, hätte ich alle meine Möglichkeiten genutzt, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Denn der Versuch wäre Selbstmord gewesen. Ich hätte ihm vielleicht empfohlen andere Fluchtmöglichkeiten in Erwägung zu ziehen, z.B. über die Grenze von Ungarn oder der CSSR, die nicht so stark befestigt war, über einen Ausreiseantrag in die BRD wegen Familienzusammenführung oder sonstiger humanitärer Gründe. Wenn er oder sie trotz meines Rates nicht gehört hätte, wäre ich auch den Weg gegangen, den Vorfall zu melden. Da musste man in der DDR kein Stasi Spitzel sein, um sich für diese Problemlösung zu entscheiden, um ein Menschenleben zu retten.
Andererseits gab es in der DDR und der BRD Personen, die für Geld Menschen über die Grenze (Mauer) schleusten. In Berlin - durch selbst gegrabene Tunnel, in präparierten Autos, mit Fluggeräten, schwimmend, tauchend über die Ostsee usw. Es waren mitunter kriminelle Handlungen für die man heute auch vor Gericht gestellt worden wäre.
In besonderer Erinnerung bleibt für mich auch der Grenzdurchbruch des Werner Weinhold, der am 19. Dezember 1975 in der Nähe der Thüringischen Stadt Hildburghausen bei seiner Flucht aus der DDR die beiden Grenzsoldaten (seine eigenen Kameraden) Jürgen Lange und Klaus-Peter Seidel tötete. Zu der Zeit war ich selbst bei der Armee und ich sprach mit meinen Kameraden über diesen Vorfall. Wir versetzten uns in die Situation der beiden Grenzsoldaten und stellten uns die Frage, ob wir auf einen Grenzverletzer schießen würden. Von diesem Tag an änderte sich auch meine Ansicht zur Grenze (Mauer) und zum Schießbefehl. Auf einen wehr- und hilflosen Menschen hätte ich niemals geschossen, auch wenn man mir einen Befehl dazu erteilt hätte. Ich hätte jedoch auch nicht tatenlos zugesehen, wenn man mich oder meine Kameraden angegriffen hätte.

 

7. Wie war die Berichterstattung darüber?
Spektakuläre Berichterstattung über Grenzdurchbrüche, Fluchtversuche gab es meist in den Medien der BRD. Fast alle DDR Bürger schauten auch Westfernsehen oder hörten Radio und so waren sie bestens darüber informiert, was sich an der Grenze abgespielt hatte. Der letzte Fluchtversuch in Oebisfelde ging ohne Blutvergießen aus. Zwei Jugendliche hatten wieder einmal zu viel Alkohol getrunken. Sie stahlen eine lange Leiter, stellten sie an die Mauer und stiegen darüber. Durch den Alkohol in ihrer Bewegung eingeschränkt, wurden sie von den Grenzsoldaten in Gewahrsam genommen. Kein Grenzsoldat hätte in dieser Situation einfach auf die wehrlosen flüchtenden geschossen. Die Kugeln hätten Bürger hinter der Grenze treffen können und dies war den Soldaten bei strenger Strafe verboten. In Oebisfelde war der Vorfall dann auch in aller Munde und auch im DDR Fernsehen und in der Tageszeitung gab es ein paar Schlagzeilen.

 

8. Haben Sie beim Mauerbau in der Nähe der Mauer gelebt?
Nein, denn der Begriff „Mauer“ bezieht sich ja auf die Grenze des Westteils von Berlin, die am 13. August 1961 errichtet wurde. Auf dem Territorium der DDR umschloss sie den Teil Berlins, den die Westmächte USA Großbritannien und Frankreich für sich beanspruchten. Westberlin, ein Teil der BRD lag nun mitten im „Herzen“ der DDR. Zu der Zeit war ich gerade 6. Meine Eltern erzählten mir zwar, dass Berlin die Hauptstadt der DDR sei, ansonsten hatte ich jedoch andere Interessen. Meine Frau und ihre Mutter fuhren vor dem Mauerbau jedoch hin iund wieder nach Westberlin zum Einkaufen.

 

9. Wusste die Bevölkerung schon vorher, dass die Mauer gebaut werden würde?
Wenn man als Erwachsener aufmerksam die politische Entwicklung in Deutschland und der Welt verfolgt hat, hätte man schon damit rechnen können, dass irgend etwas passieren würde. Ich wohnte zu der Zeit in Jeebel. An unserer Grenze tat sich nichts weiter. Wer fliehen wollte, hätte längst die Gelegenheit nutzen können als die Grenze nur mit einem einfachen Drahtzaun gesichert war. Man hatte jedoch eine Vorahnung, dass es besonders in Berlin nicht so weiter gehen würde. Eine Konfrontation der Supermächte USA und UdSSR konnte jederzeit losgehen. Um dem Einhalt zu gebieten entschloss sich die Staatsführung der DDR unter Walter Ulbricht, die Grenzanlagen zu verstärken und eine Mauer um West Berlin zu ziehen.

10. Gab es schon vorher darüber Berichte in der Zeitung?

Ich konnte zu der Zeit noch nicht lesen, aber direkt zum Vorhaben der Abriegelung der Grenze zwischen Ost und Westberlin gab es keine Berichte in der Zeitungen. Wohl aber gab es mehr als 10 Millionen DDR Bürger, von denen der Großteil damit einverstanden war, die Grenze zur BRD und auch zu West Berlin zu schließen und eine „Mauer“ zu errichten.
Vorgeschichte: Nach Ende des 2. Weltkriegs (1939-1945) und der Zerschlagung des Hitlerfaschismus wurde Deutschland auf Beschluss der Siegermächte (Sowjetunion, USA, Großbritannien) in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Berlin wurde von der Sowjetarmee befreit, gehörte Anfangs zur sowjetischen Besatzungszone und erhielt einen Sonderstatus. Dieser beinhaltete die Aufteilung in vier Besatzungszonen (Auch Frankreich kam noch zu den 3 Siegermächten hinzu). Die USA hatten zu Ende des 2. Weltkrieges die ersten Atombomben gebaut und mehrfach getestet. Höhepunkt dieser Drohgebärden gegenüber der Sowjetunion war der Einsatz der Atombomben in Hiroshima und Nagasaki. So begann ein erneutes Aufrüsten, diesmal aber mit Waffen, von unvorstellbarer Zerstörungskraft. Es gab in den USA Befürworter für den Einsatz dieser Atombomben gegen die Sowjetunion. Unter der Parole „Lieber Tot als Rot“ waren es antikommunistische reaktionäre Kräfte, die die Sowjetunion vernichten wollten. Es begann der kalte Krieg. Berlin war völlig zerstört, es herrschte Chaos und jeder wollte irgendwie überleben. Schwarzhandel und Kriminalität, sowie Schmuggel von Lebensmitteln und anderen Gütern zwischen den offenen Sektorengrenzen blühte auf.
Um dem Einhalt zu gebieten, kam es zur Berlin-Blockade durch die Sowjetunion. Die Land- und Wasserwege zur Versorgung von Westberlin wurden geschlossen. Die Westalliierten - USA, Frankreich und Großbritannien reagierten mit der Einrichtung einer Luftbrücke, von der aber nur die Menschen der westlichen Besatzungszohne profitierten. Am 23 Mai 1949 wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verabschiedet. Damit entstand ein neuer Staat auf deutschem Boden, die BRD. Die Teilung Deutschlands war faktisch eingeleitet. Als Folge dieser Abgrenzung durch die BRD entstand am 7. Oktober 1949 die Deutsche Demokratische Republik (DDR). Es entstanden zwei souveräne Staaten deutscher Nation, mit jeweils eigenständigen Regierungen, Währungen und gegensätzlichen Weltanschauungen. Die Gründung der Bundeswehr und die Wiederbewaffnung der BRD begann am 5. Mai 1955. Die Gründung der NVA erfolgte später am 18. Januar 1956 per Gesetz.
Damit hatte die Regierung der BRD ein weiteres Mal gezeigt, dass sie an einem vereinten Deutschland nicht interessiert war. Zum Schutz ihres Territoriums wurde die innerdeutsche Grenze ab 1952 durch die DDR mittels Zäunen, Bewachung gesichert. Nur noch die Grenze zwischen West- und Ostberlin war offen. Mit dem Marshallplan bewilligte der Amerikanische Kongress am 3. April 1948 ein 12,4 Milliarden Dollar (entspricht 2013 rund 127,1 Milliarden Dollar) Programm, das in den Wiederaufbau der Wirtschaft des Westens, insbesondere der späteren BRD floss.
In den Aufbau des Ostens bzw. der späteren DDR flossen keine Gelder. Im Gegenteil. Die sowjetische Besatzungszohne bzw. spätere DDR hatte die höchsten im 20. Jahrhundert bekannt gewordenen Reparationsleistungen in Höhe von fast 100 Mrd DM erbracht gegenüber 2,1 Mrd. DM die die BRD zahlen musste. Die Menschen in der DDR trugen somit 97 bis 98% der Reparationslast Gesamtdeutschlands, dies ist pro Person das 130-fache des Westens!
Im Frühjahr 1961 verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage der DDR rapide, die Versorgungs-probleme besonders in den zerstörten Städten nahmen zu. Viele Menschen flüchteten in die BRD oder nach Westberlin. Das Land blutete aus und das Ende der DDR schien nahe. Fast 3 Millionen . Menschen hatten bis 1961 die DDR und Ost-Berlin in Richtung Westen verlassen. Darunter waren vor allem gut ausgebildete junge Arbeiter und Akademiker. Kurz vor dem Mauerbau verließen 30.000 Menschen die DDR. Der einzige noch offene Fluchtweg führte nach West-Berlin. Zu dem Arbeitskräftemangel kam auch der Abfluss von Waren aller Art sowie der illegale Geldumtausch, der die Währung der DDR schwächte.
Einen Tag vor dem Mauerbau, am 12. August gab der Ministerrat der DDR bekannt, dass zur Unterbindung der feindlichen Tätigkeiten der revanchistischen und militaristischen Kräfte der BRD und West-Berlins Grenzkontrollen eingeführt werden, wie sie an jeder Grenze eines souveränen Staates üblich sind. Darüber wurde auch in den Medien berichtet. Einen Tag später, am 13. August begann der Bau der Mauer um den Westsektor von Berlin und an der Grenze zur BRD.
Ich finde es auch sehr blamabel für den Geheimdienst der BRD, dass dieser nichts von den Vorbereitungen zum Bau der Mauer mitbekam. Über RIAS Berlin oder andere Sender, über Flugblätter hätte man ja die Bürger in Ostberlin und in der DDR warnen können. Dies passierte nicht. Du solltest mal Deine Eltern oder Großeltern fragen, ob sie zu der Zeit in Ihren Zeitungen etwas über einen bevorstehenden Mauerbau gelesen haben.

11. Wie wurde nach dem Mauerbau in der Zeitung darüber berichtet?
12. War der Mauerbau für Sie eine gute oder schlechte Sache?
13. Warum empfanden Sie so?
14. Denken Sie noch immer so darüber?
In den Medien (Zeitungen, Rundfunk, Fernsehen) der DDR wurde der Mauerbau damit begründet, den Aufbau des Sozialismus in der DDR zu garantieren und den Frieden auf deutschem Boden zu erhalten. Es waren zwei souveräne Staaten auf deutschem Boden entstanden, die BRD und die DDR, die nun durch eine Grenze (Mauer) getrennt waren. Von Seiten der DDR wurde diese Grenze als Friedensgrenze bzw. antifaschistischer Schutzwall bezeichnet. Ein Großteil der Menschen in der DDR waren der festen Überzeugung, dass dies der einzige Weg sei für sich und ihre Kinder.
Ich wurde am 01. September 1961 eingeschult. 22 Jahre zuvor begann der 2. Weltkrieg mit einer Lüge Hitlerdeutschlands. Als Grund wurde eine Grenzverletzung von Polen angeführt. Ein kleiner Funken an einer „offenen Grenze“ ließ einen Weltbrand entstehen, den 55 Millionen Menschen, Männer, Frauen und Kinder nicht überlebten.

Ich konnte in Frieden leben, lernen und spielen. Ich hatte immer genug zu essen, Medikamente, wenn ich sie brauchte und ein Dach über dem Kopf. Ich konnte studieren, erlernte den Beruf des Lehrers, in dem ich mich frei entfalten konnte. Zum Dank dafür, diente ich auch in den bewaffneten Organen der DDR und leistete so einen Beitrag zum Schutz meines Staates, der DDR. Die Grenze oder Mauer zwischen der DDR und der BRD war und ist für mich stets der Garant für einen sicheren Frieden auf deutschem Boden gewesen.

Mit dem Ende des kalten Krieges Ende der 80iger Jahre des 20. Jahrhunderts verlor die Mauer ihre ursprüngliche Bedeutung, deshalb wurde sie von der letzten Regierung der DDR am 09. November 1989 geöffnet und nur kurze Zeit später abgebaut. Reste davon sind ein abschreckendes Symbol des Ost-West Konfliktes. Obwohl die Grenze nun offen war, ging ich nicht in den Westen, sondern blieb in Oebisfelde. Der größte Fehler meines Lebens, denn es blieb eine unsichtbare Mauer in den Köpfen der der nachfolgenden Regierenden in der Bundesrepublik Deutschlands, die die Leistungen der Menschen in der ehemaligen DDR in keiner Weise würdigten.

Im Gegenteil, wir wurden bis zum heutigen Tag als Deutsche zweiter Klasse behandelt (weniger Lohn für gleiche Arbeit, gleiche Steuern und Abgaben, weniger Rente im Alter usw.). Es ist eine offene Diskriminierung vieler Menschen im Osten, die Hass erzeugt und das Miteinander in dieser Gesellschaft vergiftet. Ein Grund für mich, meinen Kindern zu raten, Ihre Heimat zu verlassen und in den Westen zu gehen. Eine echte Wiedervereinigung hat es bis zum heutigen Tag nicht gegeben. Dies ist auch nicht im Interesse der USA. Nach wie vor ist die Bundesrepublik Deutschland bis zum heutigen Tag unter der "Knute" der USA. Schau Dir dazu ruhig mal den nachfolgenden Beitrag: "Die Kanzlerakte wurde im Russischen TV veröffentlicht." auf Youtube an.

15. Hatten Sie Verwandte oder Freunde in der BRD, die Sie nach dem Mauerbau nicht mehr sehen konnten?
Meine Mutter und auch meine Frau hatten Verwandte in der BRD, die wir nach dem Mauerbau nicht mehr sehen konnten. Sie schickten uns jedoch regelmäßig zu Ostern und Weihnachten Pakete mit Süßigkeiten, Spielzeug und Kleidung. Paradoxer Weise wurden viele dieser hochwertigen Artikel in der DDR und im Westen bei ALDI, Quelle und sonstigen Konzerner verkauft. Als meine Mutter dann Rente bekam, durfte sie zu ihren Verwandten in den Westen reisen. Ein reger Briefverkehr setzte ein und so wurden die familiären Kontakte so lange gepflegt, bis die Verwandten starben.

Ich hatte alles was ich brauchte und hatte auch kein Verlangen dies alles aufzugeben. Zu unserer Hochzeit 1976 besuchten uns dann auch eine Tante und obwohl ich noch bei der Armee war, und ein Verwandter meiner Frau als ABV in Siedenlangenbeck fungierte gestattete man uns, diese Westkontakte zu unterhalten. Während meines Studiums erhielt ich dann auch eimal etwas Westgeld von meiner Schwester und kaufte mir 1988 den ersten Taschenrechner im Intershop. Schallplatten und Jeans kaufte ich mir im Urlaub in der CSSR. Deshalb fuhr ich auch oft mit meiner Familie in dieses Land. Ich hatte alles, was ich mir wünschte und konnte in Frieden leben.

16. Gab es Leute, die anders als Sie über den Mauerbau dachten?
Ich denke schon, dass es sie gab. Die Menschen, die die chaotische Situation vor dem Bau der Mauer nutzten, um sich zu bereichern, dachten anders über den Mauerbau. Ihnen wurde das Handwerk gelegt. Eigentümer von Grund und Boden wurden enteignet und Privateigentum wurde zu Volkseigentum. Ich bin heute selbst Unternehmer und wäre zur damaligen Zeit nicht damit einverstanden gewesen, wenn man mir mein Eigentum wegnimmt. Im großen und ganzen waren die Menschen in der DDR froh, dass es die Mauer gab. Die Regierung der DDR unter Erich Honnecker entfernte sich jedoch mehr und mehr von seinem Volk. Das Experiment DDR scheiterte schließlich. Gründe gibt es viele. Nun musste der Westen auch etwas von seinem Wohlstand abgeben und Neid entstand in den Köpfen der Menschen.

Der Osten wurde schließlich zum Verlierer der Wiedervereinigung. Geringere Löhne, Renten und höhere Ausgaben als im Westen ließen eine neue Grenze in den Köpfen der Menschen entstehen. Manche Menschen wünschen sich sogar die Mauer zurück. Meine Kinder zogen mit Ihren Familien in den Westen und wir besuchten sie sehr oft. Fragt einmal Eure Eltern, Freunde und Bekannten ob sie schon einmal die ehemalige DDR besucht haben? Gerade in meinem Bundesland Sachsen-Anhalt nimmt die Zahl der Menschen immer weiter ab, weil besonders viele junge Leute in den Westen ziehen. Dorfschulen werden geschlossen, Gaststätten und Einkaufsmöglichkeiten gibt es in vielen Orten nicht mehr. Menschen müssen lange Wege zurücklegen, um zur Arbeit zu kommen. Viele Orte in unserer Region haben nicht einmal einen schnellen Internetzugang. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Orte ganz aussterben, genau so wie seinerzeit der kleine Ort Jahrsau, in dem ich die ersten Jahre meiner Kindheit verbrachte.
Schuld daran ist nicht die Mauer die seiner Zeit von der DDR errichtet wurde, sondern eine Gesellschaft, die es in 25 Jahren nicht geschafft hat, die Wiedervereinigung abzuschließen. Wir wollen ein einheitliches Europa ohne Grenzen und sind jedoch im eigenen Land zerspalten. Es gibt die Grenze in den Köpfen zwischen Ost und West, die Bundesländern grenzen sich voneinander ab. Jeder „kocht sein eigenes Süppchen“. Das ist nicht gut für unser Land und führt zwangsläufig zu neuen Grenzen bzw. Mauern.
17. Hatten Sie das Gefühl etwas einzubüßen?
Nein, zu keinem Zeitpunkt. Ich hatte alles was ich zum Leben brauchte, in erster Linie meine Familie, meine Freunde und später auch alle materiellen Dinge, die ich mir wünschte.
18. Wusste man von Leuten, die auf der Flucht erschossen worden waren und wie war die Berichterstattung darüber?
Ich persönlich habe an der Grenze an der ich lebte keinen Vorfall miterlebt, bei dem jemand auf der Flucht erschossen wurde. Mir ist jedoch bekannt gewesen, dass die Grenzsoldaten den Befehl bekamen, einen Grenzdurchbruch zu verhindern. Meist war es nicht notwendig auf die flüchtenden zu schießen. Entweder starben sie im Minengürtel, durch Selbstschussanlagen oder ertranken. Wer das Risiko einging, die Grenze zu überwinden, wusste, dass man sich in Lebensgefahr begibt. Der Fall Weinhold zeigte jedoch auch, dass Grenzverletzer durchaus auch selbst Waffen einsetzten, und gewaltsam die Grenze überwanden. In den USA reicht es aus, wenn jemand ein Grundstück betritt, diesen Menschen zu töten. Der Schütze wird dafür nicht einmal bestraft. Wenn ich vor einer Ampel stehe und die zeigt „Rot“ überquere ich nicht einfach die Straße, wenn ich auf einem Schild lesen würde „Schutzstreifen, Minen, es wird scharf geschossen“ würde ich diesen Bereich meiden. Wie heißt es in einem Spruch: „Wer nicht hören will muss fühlen“. Dies gilt für Verbote. Dies sollten wir nie vergessen!
19. Fanden Sie es gut oder schlecht, als die Mauer fiel?
Klar fand ich es gut, dass die Grenze am 09. November 1989 geöffnet wurde und wir auch die westdeutschen Bundesländer besuchen konnten. Andererseits fand ich nicht gut, dass fast alles was Menschen in der DDR geschaffen hatten, nun auf einmal nichts mehr Wert war. Betriebe wurden geschlossen. Beamte aus dem Westen bestimmten über uns. Fast alle Lehrer wurden verdächtigt, ehemalige Stasi Spitzel zu sein. Menschen mit einer anderen Meinung wurden diskreminiert.
20. Warum empfanden Sie so?
Weil ich mich von Anfang an bis heute als Deutscher betrachte. Ich hafte nicht für Verbrechen anderer und trage keine Schuld an dem, was in der Geschichte Deutschlands passiert ist. Ich wehre mich vehement dagegen, die DDR mit dem faschistischen Hitlerdeutschlands zu vergleichen und diesbezüglich Parallelen zu ziehen. Wer das tut, hat nichts aber auch gar nichts aus der Geschichte gelernt und wird die Gräben zwischen Ost und West die uns noch trennen weiter vertiefen. Ich hoffe, dass ich es noch mit erlebe, dass wir in absehbarer Zeit auch alle Hindernisse (Mauern) überwinden, die uns noch trennen.
Ich bedanke mich dafür, dass Du mir die Anregungen gegeben hast, eine Domain zu reservieren und eine Homepage aufzubauen, um einen Beitrag zu leisten zum Zusammenwachsen von Ost und West, von Nord und Süd. Wir sind alle Deutsche und das sollten wir nie vergessen.
Herzliche Grüße aus dem 1000 jährigen Oebisfelde sendet
Gerhard Düsterhöft